Von Menschen und Menschen

Neulich erzählte mir mein Freund aus Berlin, wie er die Tage seines Aufenthaltes in einer  Frauenklinik verbrachte, als er seine Mastek-Operation hatte (geschlechtsangleichende Brust-Op, zu der sich manche trans*männlichen Menschen entschließen). Eine der Geschichten ist die: Er hat Besuch von seiner Freundin aus Berlin, die sehr müde ist von der Anreise und sich zu ihm in sein Bett legt und einnickt. Die Stationsschwester kommt herein und die beiden schrecken wie zwei ertappte Teenager*innen auf, da die Schwester große Augen macht. Er sagt dann schmunzelnd: “Äh, das ist meine Freundin aus Berlin, aber also, …es ist nicht so, wie Sie vielleicht denken. Wir sind homosexuell, also ich bin schwul, und sie ist lesbisch…“ Da werden die Augen der eigentlich resoluten Schwester noch größer und sie sagt: “Also bei Euch jungen Leuten komme ich nicht mehr mit!“

Diese kleine Geschichte zeigt, wie immer wieder Verwirrung entsteht, wenn sich über Jahrhunderte gebildete und verfestigte Normvorstellungen vom Menschsein durch konkretes Benennen ins Wanken geraten. Heteronormativität ist nur ein Beispiel für dominante Normen, die unser Denken prägen. Bewusst oder unbewusst beeinflusst uns das, was wir als Norm in unseren Köpfen festgelegt haben, und wir bemerken nicht die Norm selbst, sondern das, was scheinbar davon abweicht und was wir als “das Andere“ markiert haben. Es findet also immer ein Ausschluss vom “Normalen“ statt. Man kann es auch Ausgrenzung nennen. Oft geschieht dies nicht absichtsvoll, aber doch hat es Folgen für all die Menschen, die sich außerhalb dieser Begrenzungen befinden. Es betrifft folglich mehr Menschen, als wir vielleicht denken.

Worüber ich in diesem Artikel schreiben will, ist die (Un-)Sichtbarkeit von LGBTI in einer Kleinstadt wie Stralsund. Als ich vor fünf Jahren von Berlin hierher zog, war mein erster Eindruck- nachdem ich die Vorzüge und Nachteile einer Kleinstadt gegenüber der Hauptstadt kennengelernt hatte – dass ich in ein queeres Niemandsland gezogen war. Der Regenbogenverein war in den letzten Zügen, und ansonsten habe ich in den ersten Jahren nur wenige lesbische Frauen und nur eine Trans*Person kennengelernt. Selbst ich habe mich anfangs gefragt, ob das denn so wichtig ist, denn es gibt ja auch prima heterosexuelle Menschen und mein queeres Umfeld habe ich ja immer noch in Berlin.

Doch ein lesbisches / queeres Leben ist nicht darauf begrenzt, als Frau mit einer Frau liiert zu sein. Genauso wenig sind Heteros ja auch nicht nur dann hetero, wenn sie in einer Beziehung leben. Lesbisch-/ queer sein ist auch eine Identität, die sich im Laufe des Lebens ausgebildet hat und sich- wie jede andere Identität- mal mehr, mal weniger verändert und sich in Interaktion zu anderen Menschen immer wieder neu gestaltet.

Wenn ein Umfeld stark hetero und cis normiert geprägt ist wie zum Beispiel Stralsund, und es keine Orte gibt, an denen queeres Leben stattfinden kann, wird man als LGBTI in die Unsichtbarkeit gedrängt. Das ist ein ganz alltäglicher Vorgang, nichts Aufregendes. Einfach nur: Keine*r fragt dich, wie du lebst, schon gar nicht, wenn du nicht von dir aus von deiner (lesbischen*-, schwulen*-, bi-, pan-) Beziehung erzählen kannst, weil du vielleicht keine hast. Oder auch, weil du dich nicht traust, z. B. von deiner Trans*partnerin zu erzählen, oder zum Thema zu machen, dass Du schwul bist, oder lesbisch und inter*. Aus Angst vor Ablehnung oder davor, plötzlich “die*der Andere“ zu sein, nachdem du dich geoutet hast.

Es kostet viel Kraft, im Alltag nie vollständig die Person sein und zeigen zu können, die man ist oder in eine festgelegte Schablone gepresst zu werden: Outet man sich, läuft man Gefahr, dass alles, was zuvor individuell war, nun auf das Lesbisch-/Trans*-Inter*sein zurückgeführt  oder in Verbindung gebracht wird, outet man sich nicht, wird automatisch angenommen, man sei hetero und cis.

Darum braucht es Menschen und Orte, mit/an denen LGBTIs eine gemeinsame Lebenserfahrung teilen können. Wo die Batterien aufgeladen werde können, denn zu einer diskriminierten Minderheit zu gehören – wie Anja Kühne in dem Buch “Heteros fragen, Homos antworten“ so treffend schreibt – kann einen latenten Dauerstress erzeugen. Man sucht davon Entlastung an Orten, an denen man als normal gelten darf, schreibt sie.

Und es geht darum, dass wir als LGBTIs sichtbarer werden. Das geht gemeinsam am Besten. Aber macht Euch auch individuell sichtbarer! Es haben alle etwas davon. Wir können durch Sichtbarkeit Vorbilder für junge LGBTIs sein, in der Kita, in der Schule, als Lehrer*innen, als mutige Schüler*innen, als Mutmacher*innen für LGBTIs, die vielleicht weniger Glück hatten und sich ihr Leben lang versteckt haben in der Provinz, in der sie sonst vielleicht nicht hätten bleiben können. Denn Unsichtbarkeit hat natürlich auch eine schützende Funktion, wenn Gewalt, Anfeindung und Ausgrenzung aufgrund der geschlechtlichen/sexuellen Identität droht und man damit alleine ist.

Auch deshalb ist es wichtig, uns hier in der Region zu vernetzen, gegenseitig zu stärken und uns gemeinsam für unsere grundlegenden Rechte, für unsere (Spiel-)Räume und unsere Sichtbarkeit einzusetzen. Gerade in einer Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten Menschen zwar vorhanden sind, aber das wunderbare Potential dieser Vielfalt immer noch nicht gesehen und wertgeschätzt wird. Lasst uns ein Teil der Menschen sein, die diese Vielfalt mitgestalten und selbstbewusst in die Welt tragen. Am Ende profitieren alle davon. Wir sind schließlich alle HOMO sapiens (keine Panik, liebe Heteros, war nur ein kleiner Scherz)!

F. Wiam für QUEER! WIR HIER.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.